Dinge, die die Welt nicht glaubt

Ihr kennt doch alle noch meinen Physiklehrer? Also den, dem ich meine Notengebung erklären musste. Genau der. Übrigens auch der, der sich morgens erst um zehn nach acht dazu bequemt, uns in die heiligen Hallen der Physikräume zu lassen (Warum zum Teufel will ich freitags eigentlich pünktlich kommen?). Und der, der ganz offen vor seinem Kurs zugibt, dass er keinen Bock auf Unterricht hat. Und der, dessen Mathekurs heute ganz offen gewettet hat, ob er zur achten und allerletzten Stunde vor den Ferien erscheint – immerhin muss er sich dazu in den zweiten Stock bewegen. Nach einer Freistunde. Ist ihm nicht zuzumuten (Er kam. Erstaunlicherweise. Aber Unterricht hat er offenbar nicht gemacht).

Wir sind alle schon der geschlossenen Meinung, dass man nichts mit Physik studieren sollte, wenn man bei dem Kerl Unterricht gehabt hat. Ich will es trotzdem und muss wohl lebensmüde sein, aber hey, nichts geht über ein bisschen Hirnrissigkeit.
Jedenfalls sitzt seit geraumer Zeit auch ein Referendar bei uns im Unterricht (Ich zieh die irgendwie magisch an… Kann ich mir gaaaar nicht erklären), macht sich fleißig Notizen und tut ansonsten sehr gut so, als wäre er gar nicht da. Der Gute unterrichtet übrigens auch Philosophie und hatte das Pech, gleich in seiner ersten Stunde wegen mir auf die Schnauze zu fallen. Mittlerweile erkundigt er sich vor jeder Gruppenarbeit, ob das so in Ordnung für mich ist – niedlich, irgendwo. Und wir verstehen uns wirklich prima.

Heute jedenfalls packte ich meine Sachen aus, sein Blick fiel auf meine recht spärlichen Notizen aus Physik. Und er drehte sich zu mir um, schaute mich an und fragte: „Du hast bei *Physiklehrer* Unterricht, oder?“
„Ja.“
„Sag mal… verstehst du, was er von euch will?“
„Nicht wirklich. Sie?“
„Nein.“
An der Stelle verkniff ich mir ein Lächeln. Wenn selbst Referendare nicht wissen, was da vorne stattfindet, dann läuft eindeutig was schief. Nicht, dass ich das nicht schon wüsste, aber offizieller kriegen wir das nicht mehr in diesem Leben.
Im Übrigen hat *Physiklehrer* seinem Mathekurs heute erzählt, er habe nie Lehrer werden wollen. Nun.
Ich beschloss hinterher also, nachzulegen. „Ganz im Vertrauen: Ich hör in diesem Unterricht nicht zu. Und die Zeichnungen zeichne ich nicht ab, weil ich dazu zu faul bin.“
Verständnisvolles Nicken. „Na ja, seine Zeichnungen sind ja eigentlich ganz in Ordnung, aber der Rest…“
„Und seine Schrift kann keiner lesen.“
„Wenn man ihm zuhört, dann geht es eigentlich.“
„Ich höre ihm ja nicht zu.“
Verständnisvolles Nicken. „Ja dann.“
„Und die Klausuren von ihm habe ich alle schon mal gesehen und ich schreib direkt von der Formelsammlung aufs Blatt. Eigentlich hab ich die guten Noten gar nicht verdient.“
„Na ja, solang es funktioniert, ist es ja egal wie.“ Und das von einem angehenden Lehrer. Ich mag ihn. Definitiv. „Aber sag ihm nichts davon, ja?“
Jetzt muss ich doch grinsen. „Mit Sicherheit nicht.“

Den Rest der Philosophiestunde verbringen wir damit, die Keksreste zu essen, die der Kurs nicht mehr will. Ich glaube, wir sind jetzt Freunde. Oder so.

(Und vielen, VIELEN lieben Dank für insgesamt über 10000 Aufrufe! Ich fühl mich jetzt ganz berühmt. Danke!)

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