Literatur

„Na ja, wir haben das mal durchgespielt und wenn wir Literatur fürs zweite Halbjahr rausnehmen, ändert sich genau… gar nichts.“ Mein Beratungs-/Vertrauens-/Geschichtslehrer guckt mich an. Ich weiß nicht ganz genau, was ich davon halten soll, obwohl mir von PC-Bildschirm, samt nettem Oberstufenplanungsprogramm, ein nettes, grelles Grün entgegenstrahlt. „Ist das jetzt gut oder schlecht?“
„Zumindest bedeutet das, dass du Literatur abwählen kannst.“
„Gut, dann mach ich das auch.“
Fünf Minuten später wandere ich samt ausgedrucktem Zettel aus dem Büro in meinen besten Freund und fange an vor Erleichterung zu heulen, denn zu dem Zeitpunkt – also vor drei Stunden – bin ich seit anderthalb Wochen dauerhaft angespannt und völlig übermüdet gewesen.

———- Flashback: 2 Monate früher —————

Es begab sich Anfang November, dass ich zu meiner Literaturlehrerin marschierte und ihr erklärte, ich hätte das Gefühl, dass mich mein Kurs nicht mag und ich mich nicht wirklich als irgendwo zugehörig empfinde, ob man da vielleicht was tun könne. Es bildeten sich immer und zu jeder Zeit gewisse Grüppchen, wie das in jedem Kurs mit mehr als 10 Leuten so ist, aber dadurch hatte ich keine Chance, mir da eine Bekanntschaft, noch in irgendeiner Form eine Aufgabe zu suchen. (Zwischendurch bin ich dann irgendwo gelandet, wo man sich aus meiner Sicht dann aber Mühe gab, so zu tun, als wäre ich gar nicht da.)
Ich breitete ihr aus, dass ich nicht viel bräuchte, nur eventuell mal eine klare Ansage, wo ich eigentlich stehe und wo ich hinwill, mit diesem Kurs.
Jetzt hätte alles so einfach sein können – finde ich. Man einigt sich auf eine Lösung, guckt wo ich wirklich Hilfe brauche und greift mir da entsprechend unter die Arme. Der Literaturkurs hat zwar 48 Leute, aber nicht umsonst auch genau zwei Lehrer.
Anhand der Tatsache, dass ich euch hier jetzt lang und breit ausbreite, was sich jetzt zwei Monate alles (nicht) getan hat, könnt ihr aber mit Sicherheit erkennen, dass dem nie so gewesen ist und ich meiner Lehrerin unterstellen muss, das auch nie vorgehabt zu haben. Jedenfalls reagierte ich auf die Aussage „Da können wir so nichts machen, das ist Literatur, da läuft das so, da musst du jetzt halt durch“ mit dezentester Entrüstung und wie sich das für Entrüstung gehört, bin ich selbstverständlich erst einmal in Tränen ausgebrochen. Auf dem Weg nach draußen begegnete mir darauf die Schulleitung, die nie Zeit für irgendwas hat und mir nach zwei Minuten Gespräch für den nächsten Tag einen Termin zusicherte.

So weit, so gut. Ich wollte also Hilfe, die mir per Nachteilsausgleich zugesichert worden ist, und bekam sie nicht. Hätte sich immer noch irgendwie alles regeln lassen können.
Aber wir sind immer noch im November, richtig.

Die Schulleitung war zunächst einmal überhaupt und ganz und gar nicht von der Tatsache angetan, dass ich mir zwei Freunde an die Seite geholt habe, weil ich nicht blöd war und bin und wusste und weiß, dass Gespräche mit der Schulleitung nicht einfach sind, weil irgendein Teil von ihr wirklich, wirklich gut darin ist, mich falsch zu verstehen. Schlug sich auch darin nieder.
„Ich habe gedacht, Sie kämen alleine.““Aber…“
„Das ist ja jetzt Drei gegen Einen.“
„Aber…“
„Was würde das auf Sie einen Eindruck machen, wenn ich hier zwei Leute mitbringen würde?“
„Aber… ich wollte doch nur keine Missverständnisse…“
Jedenfalls, nach zwei Stunden Gespräch, die man bequem in zwanzig Minuten hätte abhandeln können, stand dann fest: Ja, die Schule regelt das. „Aber eine Woche sollten Sie uns schon geben.“
Hab ich. Mit Vergnügen hab ich das, denn Wunder fallen schließlich nicht vom Himmel und mit einer Sofortlösung wäre ich mit Sicherheit auch nicht zufrieden gewesen. Da wäre nämlich was faul dran gewesen. Also gab ich der Schule eine Woche. Ich gab ihr zwei Wochen, ich gab ihr drei Wochen und noch einen Haufen anderer Probleme, die sich zwischendurch erledigten, aber Literatur blieb liegen. Und ich verblieb in der stillen Hoffnung, dass wenn irgendwann Ergebnisse kämen, mir die schon mitgeteilt würden. Ging ja immerhin um mich.

Eine Woche vor Weihnachten, lief mir die Schulleitung dann wieder über den Weg. Und ich fragte sie, arglos wie ich bin, was denn nun mit Literatur wäre, ob es da irgendwie Ergebnisse gäbe und wie der Stand da nun aussähe.
Die Schulleitung guckte recht überrascht. „Gehen Sie denn noch hin?“
Jetzt wo sie so fragte, fragte ich mich das auch. Denn ich bin mittlerweile der festen Überzeugung, dass nicht mal jeder der 48 Leute weiß, dass ich Mitglied dieses Kurses bin/war. „Ja, natürlich.“
„Also bis Weihnachten schaffen wir das auf jeden Fall nicht, das muss Ihnen klar sein.“
Wie gesagt: Ich steh eh nicht auf Wunder. „Ist in Ordnung.“
„Und ansonsten muss ich da nochmal mit dem Beratungslehrer sprechen, und mich da informieren lassen und dann sehen wir weiter.“
Im Endeffekt also: „Wir fangen dann mal an. Aber erst nach Silvester, ja?“

Gut, nach Silvester. Da war ich mittlerweile allerdings schon ein bisschen angefressen, weil ich immer noch keine Ahnung hatte, was nun wirklich läuft. Ende Januar fängt das neue Halbjahr an, und damit die „Nach(t)mittagsproben“ in Literatur, wo man vor 23 Uhr nicht nach Hause kommt. Und wenn sich dann doch noch herausstellen sollte, diesen Kurs nicht bis zum Ende mitmachen zu müssen, dann wollte ich ganz gerne auf das verzichten. Ganz davon abgesehen, dass ich eh im Hinterkopf hatte, dass solche Proben mit meiner Psyche nicht die beste Idee sind, aber warum ich trotzdem Literatur gewählt habe, würde als Erklärung nun endgültig den Rahmen sprengen. Also haben wir brav Mails geschrieben, mit der Bitte nun auf gut Deutsch endlich mal den Hintern zu bewegen und Ergebnisse zu liefern. Eine Woche habe ich der Schule gegeben, und ich fand (Und ich finde), die Woche war da schon um. Es dauerte dann noch mal eine geschlagene Woche, blankliegende Nerven und dezenten Frust auf die nicht vorhandenen Informationen, mit denen man so großzügig um sich warf, bis dann just in dem Moment, wo ich einen wirklich wütenden Blogpost tippen wollte, eine Antwort kam. Ich solle doch umwählen kommen und eine Person meiner Wahl mitbringen, wenn ich das alleine nicht schaffe.

Und damit wären wir dann wieder in der Gegenwart, in der ich kein Literatur mehr habe, dafür aber Mittwochs die ersten beiden Stunden frei. Mit anderen Worten kann ich ausschlafen und angesichts der vielen Stunden, die mich diese Sache nun wachgehalten hat, habe ich das auch reichlich verdient, wenn ihr mich fragt.

Jetzt habe ich also kein Literatur mehr. Das ist ein wahnsinnig guter Grund zur Freude, aber der fade Beigeschmack bleibt. Mir ging es nicht auf die Nerven, da jetzt ein ganzes Halbjahr auf diese Entscheidung zu warten. Mir ging es nur und zwar richtig auf die Nerven, konsequent ein ganzes Halbjahr zu warten, ohne auch nur ansatzweise über irgendwelche Ergebnisse informiert zu werden. Ein „Wir haben grad keine Zeit dafür, tut uns leid“ hätte mir auch volkommen genügt – ist ja nicht so, als hätte ich als vielbeschäftigte, vielgestresste Schülerin absolut und gar kein Verständnis dafür. Aber selbst das ist nie gekommen, außer ich wäre da auch noch hinterhergerannt. Aber das, und dazu steh ich ebenfalls bis heute, ist auch nie meine Aufgabe gewesen. Schließlich hieß es von allen Seiten: „Wir kümmern uns.“ und nicht anders.

Eine Sache habe ich deswegen gelernt. Auch wenn es deutlich anstrengender ist, aber wenn so eine Situation wiederkommt, dann kümmer ich mich gleich selber drum. Da weiß ich wenigstens wo ich stehe.
Und ihr wisst jetzt hoffentlich, was mich den Januar über so lahmgelegt hat, dass ich bis jetzt nicht zum Bloggen gekommen bin. Schande über mein Haupt, aber die letzte Altlast aus dem letzten Jahr ist nun auch erfolgreich beseitigt. Kann also nur besser werden – aber erst nachdem ich ordentlich geschlafen habe. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende!

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13 Antworten zu Literatur

  1. Anita schreibt:

    1 Ich wünsche Dir entspannte Stunden.

    2. Dieses Prozedere kann einen wirklich auf die Toilette jagen um sich dort ordentlich zu übergeben.

    Und wie ich woanders schon mal bemerkte, es scheint mehr als nur System zu haben!!
    Ich bin sehr froh, dass Du Dir Unterstützung mitgenommen hast und es zeugt nicht von Kompetenz, dass dies die Schulleitung so „verunsichert“ zu haben scheint. Wobei man aus deren Kommentare eher vermuten hätte können, dass diese Dich verunsichern wollten

    So ähnlich laufen viele Gespräche mit Lehrern bei meinen Kindern ab. Auch beim Großen, der schließlich eine Schulbegleitung hat. Und da wundern sich „manche“ Lehrer, dass man als Eltern nicht „los lässt“. Wo doch selbst uns „lebenserfahrenen“ Menschen diese Termine ALLES abverlangen, was man an Konzentration und Selbstbeherrschung nur aufbringen kann, um eben weder zusammenzuklappen noch sich eine Blöße zu geben und auszurasten. Obwohl mir persönlich durchaus mehr als einmal danach ist!!!

    Liebe Grüße und ruh Dich aus (soll ich schließlich auch 😉 )
    Anita

  2. Ismael Kluever schreibt:

    Mal ’ne Zwischenfrage: Wissen die werten Herrschaften dort, dass du Autorin bist?

    • dassiliel schreibt:

      Nein, wissen sie nicht. Und ich wüsste auch ehrlich gesagt überhaupt nicht, ob und wenn wie ich da was dran ändern soll.

      • maedel schreibt:

        Vor allem frage ich mich, wozu das gut sein soll?
        Das ist kein „ich bin Autorin Kurs“

        Ismael? Aufklärung 😉

      • Ismael Kluever schreibt:

        Mir scheint, das habe sie auch gar nicht verdient, eine Literatin in ihrem Literaturkurs zu haben. 😉

        Aber, da wir schon mal dabei sind, noch ’ne andere Frage:
        Wie kommst du eigentlich mit Textinterpretationen zurecht?
        Also der Frage, was sich ein Autor wohl hiermit und damit gedacht hat und was er mit dieser und jener Formulierung ausdrücken wollte usw.?
        Anlass meiner Frage ist dieser Blogpost:
        http://autzeit.wordpress.com/2013/04/20/kommunikations-gau/

      • dassiliel schreibt:

        Sagen wir, in Deutsch hatte ich (beim selben Lehrer) schon alles zwischen eins und vier, also hängt das ziemlich von Glück ab. 😀 Im Moment rettet mir meine Darstellungsleistung ziemlich den Hintern, muss ich sagen, also Rechtschreibung, Stil, und so weiter.

  3. Ismael Kluever schreibt:

    @maedel:
    Wenn ich Lehrer wäre, wünschte ich mir Schüler, die am Fach interessiert sind.
    Und wenn eine Schülerin literarisch tätig ist, sollte man von einem Interesse an Literatur ausgehen dürfen. 😉 Also würde ich Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um jene Nachwuchsautorin in meinen Kurs zu bekommen!
    Wozu würde ich als Lehrer überhaupt so einen Kurs durchführen?
    Um die Schüler entweder zu Autoren oder zu kritischen und fachkundigen Lesern auszubilden.
    Wenn Schüler auf diesem Feld tätig sind, ist das die optimale Voraussetzung für einen erfolgreichen Unterricht.
    Denk ich mir jedenfalls so.

    • dassiliel schreibt:

      Na ja, Literatur heißt auch nur so, weil „Fach für alle, die keinen Bock auf Musik oder Kunst haben“ offenbar ein bisschen lang war. 😀 In dem Jahr stellt man halt ein Schauspiel auf die Beine, das wars dann. Und als Cosplayer hätte ich mich da liebend gerne in der Requisite oder im Kostüm gesehen, aber ich habe bis heute keine Ahnung, wie das nun geregelt ist… oder ob das geregelt ist.

    • maedel schreibt:

      Könnte man so sehen, aber die meisten Lehrer sehen das irgendwie anders. Früher dachte ich auch immer, Schule sei prinzipiell da um a) ein Grunwissen zu vermitteln, b) Talente zu entdecken und zu fördern und c) Interessen zu wecken.
      Leider ist es häufig so, und das war zu meiner Zeit schon so, das oftmals Talente im Keim erstickt wurden, eben mangels Interesse der Lehrer.
      Kann an der „Abgestumpftheit“ mancher Lehrer liegen.

    • Anita schreibt:

      Tja, und wenn man die Lehrer genauer betrachtet, sind sie sehr oft gefangen, in ihren eigenen Routinen, Vorschriften und dergleichen. Sie sind selten in der Lage, solchen Schülern/innen den entsprechenden Rückhalt zu geben, um einen solchen Kurs zu „überleben“.

      Dein Wunschdenken deckt sich mit meinem. Aber der Idealismus vieler Lehrer wird im Alltag und von Kollegen und leider auch unmotivierten Schülern sehr schnell „erstickt“.

      Und leider werden auch Menschen Lehrer, weil es grad keinen anderen sinnvollen Job gab. Wir haben leider Gottes schon viele Schulen und viele Lehrer „durch“. Haben Idealisten und Festgefahrene kennen gelernt. Und Gott sei Dank auch welche, die ihren Idealismus behalten, einen Schuss Realismus mitgenommen und vor allem viel Gefühl für ihre Schüler haben. Diese werden dann leider schnell vom Bürokratismus ausgebremst!!!!!

  4. maedel schreibt:

    ausserdem geht das schon mit dem intepretieren. Wenn man sich darauf vorbereitet hat. Allerdings hatte ich dann die Angewohnteit alles zu intepretieren…äh irgendwie, hauptsache irgendwie schlüssig.
    Stimmt. Da hilft es, wenn man es einigermaßen gut verpacken kann.

    Am Beispiel der „Henne und der Himmel“ hatte ich schlussendlich (Abschlusstext mündliche Deutschprüfung) sogar in den Steinen am Boden hineinintepretiert.

    Hätten doch auch wirklich die sprichwörtlichen „Steine im Weg“ sein können 😉

    • dassiliel schreibt:

      Ich schreib einfach alles hin, was mir einfällt und halbwegs Sinn ergibt und offenbar reicht das meistens für mindestens ne drei, was für mich vollkommen akzeptabel ist. Deutsch hab ich eh nicht im Abi, da hab ich Englisch genommen. 😀

      (Aber mit dem Satz „Was will uns der Autor damit sagen?“ kann man mich ja bis heute jagen. Aber das eher… persönliche Gründe. :D)

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