Bin ich einsam?

Wenn ich kann, gehe ich Menschen aus dem Weg. Ist vielleicht kein Wunder, denn Menschen bedeuten grundsätzlich, dass ich mich irgendwo nicht entspannen kann. Muss ja meine Aufmerksamkeit irgendwohin richten und so tun, als wär der Rest der Welt nicht da. Klappt in der Bahn eher weniger gut, da mein Hirn es offenbar wichtiger findet, dass ich der Frau zehn Meter entfernt zuhöre, wie sie telefoniert, anstelle ordentlich mit meinen Freunden reden zu können. Der Satz ist verknotet, macht aber nichts.

Menschen sind anstrengend. Das ist in meinem Hirn so verknüpft und da bräuchte es schon sehr brutales Werkzeug, um die Verbindung zu lösen. Wenn ich kann, bin ich gerne allein. In meinem Zimmer, Blogposts tippend, Videos guckend, was auch immer tuend. Alleine. Denn dann ist meine Aufmerksamkeit ungeteilt, ich kann mir Audioinput geben, dass ich nur noch dieses komische weiße Rauschen in Hinterkopf habe und dann kann ich auch arbeiten. Und das kann ich den ganzen Tag lang machen. Sieben Tage die Woche. 52 Wochen im Jahr. Da brauche ich keinen Menschen, da will ich auch keinen Menschen. Geht mir weg mit Menschen.

Rein emotional bin ich nicht auf Menschen angewiesen. Zugegeben, manchmal brauche ich seelischen Beistand, aber den brauche ich auch aufgrund von Menschen und wenn ich keine Menschen um mich habe, brauche ich auch keine. So einfach ist das. Jedenfall vermisse ich in den meisten Fällen nicht. Als Mama mal im Krankenhaus war,  hab ich sie nicht vermisst, ich hab mich nur aufgeregt, dass meine Oma mich zur Schule bringen sollte. Wenn mein Vater geschäftlich unterwegs ist, vermisse ich ihn nicht. Kommt ja wieder. Ich war ein halbes Jahr krank und nicht in der Schule – wisst ihr ja vielleicht – und ich habe meine Freunde nicht vermisst. Waren ja noch da. Werde sie ja wiedersehen. Meine Oma ist schon länger tot. Ich habe sie nie wirklich vermisst – hilft ja nichts, in den meisten Fällen ist der Tod eine unumkehrbare Angelegenheit.
Was ich vermisse, sind Tiere – um meinen Kanarienvogel trauere ich seit über fünf Jahren und wenn mein Hund in die Tierklinik muss (Er hat Rückenprobleme), dann dreh ich am Rad.
Aber es geht hier um Menschen, nicht um Haustiere.
Ich habe dieses Jahr erst gelernt, wie vermissen geht. Da war mein bester Freund für eine Woche in Prag und wenn ich Kursfahrten nicht wie die Pest hassen würde, ich wäre dann doch glatt hinterhergedackelt. Da war die physische Entfernung dann doch zu groß, und die Möglichkeiten zu begrenzt, denn Taschengeld ist schnell alle.

Physische Nähe brauche ich erst recht nicht. Deswegen ist Skype auch eine wunderbare Erfindung – wenn ich denn was will, kann ich trotzdem in meinem Zimmer weiter herumsitzen und muss da erstens keinen reinlassen oder zweitens gar nicht erst da raus. Wunderbar. Meine Freunde leben in Nürnberg, Karlsruhe, Tübingen und Hamburg. Das Bedürfnis, sie zu sehen habe ich nicht. Wenn ich ehrlich bin, will ich das auch nicht. Ich käme (und komme) zwar wunderbar mit ihnen klar, aber die Örtlichkeiten, das alles… Nein, nein, nein. Hat ja mit Menschen zu tun.

Natürlich brauche ich Menschen. Aus praktischen Gründen. Ich brauche Menschen als Unterstützung, wenn ich alleine nicht mehr weiterkomme. Das hat aber wohl weniger emotionale denn rationale Gründe. Dann – und das macht vor allem meine Freunde aus – wende ich mich aber immer an Menschen, die ich auch kenne und denen ich vertraue, zu einem gewissen Grad zumindest. Ich mag meine Freunde natürlich auch, ich verstehe auch, dass es wichtig ist, regelmäßig physisch anwesend zu sein, aber ich brauche es einfach nicht.

Ich bin glücklich in meiner kleinen, stillen Welt um mich herum. Einsam bin ich nicht. Ich schreibe Geschichten, meine Charaktere sind im Geiste immer bei mir. Meine Gedanken sind bei mir. Meine Fantasie, mein Verstand. Für gewöhnlich reicht mir das an Gesellschaft.

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3 Antworten zu Bin ich einsam?

  1. Ismael Kluever schreibt:

    Immerhin weißt du, wie sich vermissen anfühlt. Das ist irgendwie tröstlich für uns NTs. Sonst würden wir uns mit unseren absonderlichen Regungen wohl total unverstanden fühlen. 😉
    Danke für deinen sehr informativen Text! 🙂

  2. Anita schreibt:

    Guter Text.

    Eine Erklärung, die ich am Wochenende gut gebrauchen hätte können. Meine Kinder melden sich von woanders immer nur dann, wenn es etwas zu helfen gibt, sie Unterstützung brauchen. Solange sie sich nicht melden, weiß ich, dass alles gut ist.

    Das anderen begreiflich zu machen, ist unheimlich schwer.

    Zitat: „Jedenfall vermisse ich in den meisten Fällen nicht. Als Mama mal im Krankenhaus war, hab ich sie nicht vermisst, ich hab mich nur aufgeregt, dass meine Oma mich zur Schule bringen sollte. Wenn mein Vater geschäftlich unterwegs ist, vermisse ich ihn nicht. Kommt ja wieder. Ich war ein halbes Jahr krank und nicht in der Schule – wisst ihr ja vielleicht – und ich habe meine Freunde nicht vermisst. Waren ja noch da. Werde sie ja wiedersehen. Meine Oma ist schon länger tot. Ich habe sie nie wirklich vermisst – hilft ja nichts, in den meisten Fällen ist der Tod eine unumkehrbare Angelegenheit.“

  3. MianArkin schreibt:

    Hier prallen Welten Aufeinander (Ich habe wohl derbe Probleme die Ansichten anderer zu Verstehen, fürht jedoch zu netten Diskusionen)…
    Ich habe Angst davor Personen die ich mag zu verlieren.
    Fremde Menschen Interessieren mich im Grunde nicht, jedoch Menschen, die ich in den Inneren Kreis hineingenommen habe, bereiten mir sorgen (Verlustangst).
    Es wäre wohl so als würde mir jemand einen Teil des Fundaments wegschlagen auf dem ich ruhe, zwar Melde ich mich nicht ständig bei ihnen oder habe steten Kontakt jedoch reicht für mich die Gewissheit das sie da sind wenn ich sie brauche (an etwas an das ich mich gewöhnt habe halte ich Fest ^-^).

    Rein Objektiv betrachtet sind Menschen auch nichts anderes als Tiere, sohin wären für mich meine Familie und Freunde Haustiere, der Rest Streuner (wobei ich besonders den Nachbarhund am liebsten mit zu mir nehmen würde, der ist niedlich, und Schlabbert einem über das Gesicht wenn man den Kopf zu tief senkt).

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