Löchertage

Ich stehe vor unserem hiesigen Vertretungsplan. Morgen, siebte Stunde Englisch. Fällt aus. Passt mir ganz gut in den Kram, hab ich doch die Analyse nicht geschrieben und möchte möglichst keinen Ärger kassieren. Passt mir ganz und gar nicht in den Kram, weil – so hab ich meinen Freitag nicht geplant! Und überhaupt, hat denn irgendjemand mit mir frei?
Ich überlege und mache eine kurze repräsentative Umfrage. Die Antwort lautet nein.
Verdammt.
Also…
Verdammt!
Ich fange an abzuwägen, ob ich mich jetzt trotzdem freuen sollte, oder doch eher nicht. Aktuell jedenfalls tendiere ich dazu, akut in Weltuntergangsstimmung zu verfallen, verschiebe das dann aber genauso akut und spontan auf später. Angst haben kann ich noch, wenns soweit ist.
In der Pause kralle ich mir Lukan und klage ihm mein Leid. „Ichhabfreiwassollichmachenwohinsollichgehenichkanndochnichtnachhauseundichbindochganzalleinedasistallesdoofwasistdersinndeslebens?“
„Was?“
Ich hole ganz tief Luft und versuche, meine Sprachfähigkeit wieder auf normale Geschwindigkeit zu drosseln. „Ich hab frei und was soll ich machen.“
Lukan seufzt. Vermutlich würde er mir an der Stelle jetzt eine Hand auf die Schulter legen, aber ich hab ihn gut erzogen, weswegen er das lässt. „Du setzt dich einfach in den Aufenthaltsraum und tust dann Dinge. In Ordnung?“
„Aber…“
„Das passt schon so. Das geht immer, das machen die anderen auch immer.“
„Und wenn da Mittagessen ist?“ Denn werden alle nicht-mittagessenden Schüler hochkant vor die Tür gesetzt, weil kein Platz da ist. Auch kein Platz für das Siliel.
Die Frage stellt sich mir den ganzen Tag – auch heute noch -, bis der Zufall es so will und meine Freundin Ai auf einmal auch die siebte Stunde frei hat.
Ich glaube ja nicht so recht an Gott, aber sollte es ihn geben, in dem Moment hat er mich lieb gehabt.

Ich sitze in Informatik – zum Glück mit Ai – und habe gerade erfahren, dass die Hälfte der Doppelstunde ausfallen soll, denn unser Lehrer hat Klausuraufsicht. Ich könnte jeden Verantwortlichen dafür hauen, dass solche Sachen spontan entschieden werden, auf dem Klausurplan stand nämlich, dass Informatik stattfindet, also hat es stattzufinden, manno!Ich ordne also meinen Mühsam neu gebastelten Zeitplan neu, erweitere ihn um eine weitere Freistunde und gebe mir Mühe, einigermaßen beleidigt zu sein. Dann fällt mir ein, dass Ai ja neben mir sitzt und im Zuge dessen ja vor dem gleichen Problem steht – minus Autismus bleibt da ja eigentlich nur die Tatsache, dass sie auch unerwartet frei bekommen hat.
Gut, ein Punkt weniger auf der roten Panikliste, die danach aber immer noch geschätzte drei Milliarden Punkte umfasst.
Ganz ruhig, Siliel. Du übertreibst.
„Sag mal.“ Ai guckt mich an.
„Hm?“
Wie spät ist es eigentlich? Meine Gedanken funktionieren bekanntlich in einem anderen Zeitkontinuum, sodass die Frage durchaus berechtigt ist. Einstein wäre begeistert.
„Kommst du gleich mit in Freistunde, Zeug kaufen?“
Meine Gedanken drehen die Geschwindigkeit auf. Während ich mit der Frage im Hinterkopf meine gefühlt drei Milliarden Punkte und real drei Punkte (Was mach ich? Wohin muss ich? Bin ich alleine?) umfassende Panikliste abarbeite, vergeht keine Sekunde.
Dann hellt sich mein Gesicht vermutlich schlagartig auf und ich nicke begeistert.
Ich werde zum ersten Mal in meinem Leben Geld holen gehen und mir davon so viel Essen kaufen, dass mir schlecht davon wird (geschrieben, während ich mein belegtes Brötchen futter). Es lebe die Unvernunft – aber von all dem weiß ich noch nichts.

Fakt ist, so gut es auch immer ausgeht, ich hasse Löchertage. Also Tage, wo hier ne Stunde ausfällt, und dort und da auch und dann der ganze Tag ein lustig bunter Flickenteppich aus frei und nicht-frei ist.
Wie soll ich denn da in meinen Schulrhythmus kommen? Unterricht-Pause-Unterricht funktioniert da einfach nicht mehr und so kann ich nicht arbeiten! Meine ganze mentale Vorbereitung ist hin, und stattdessen muss ich alles umplanen.
Da hab ich so einen schönen, freistundenlosen Stundenplan und trotzdem Löchertage. Aber wenigstens haben die auch was Gutes: Sie sind nämlich wie ein gut geschriebenes Buch. Man glaubt einfach nicht an ein Happy End und am Ende passiert es doch, wie von ganz alleine. Nur sieht man es nie kommen, denn fast nichts deutet drauf hin.
Blöde Löchertage.

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5 Antworten zu Löchertage

  1. Ismael Kluever schreibt:

    Vorschlag für künftige Löcher: Blogposts schreiben!
    Die von dir sind nämlich super!

    • dassiliel schreibt:

      Den hab ich tatsächlich in meiner Freistunde geschrieben. ^^ Ich geb mir Mühe, und bin ja auch immer am Geschichten suchen, die ich so erzählen könnte, aber die fallen leider nicht vom Himmel.

      • Ismael Kluever schreibt:

        Und ich habe manchmal fast ein schlechtes Gewissen, dass ich deine Scharmützel mit den Widrigkeiten des Alltags so unterhaltsam finde. x-)
        Aber ich habe dein Eindruck, du nimmst die ganzen Herausforderungen von der sportlichen Seite und mit viel Humor. Zumindest, wenn es überstanden ist.
        Oder?

      • dassiliel schreibt:

        Wenn es vorbei ist, garantiert, dann kann ich da auch selber drüber lachen. ^^ Ich kann an meinem Autisnus nichts ändern, also nehm ich ihn als einen Teil von mir zur Kenntnis und mach das Beste draus. Macht dann auch gleich mehr Laune.
        Ich könnte meine Geschichten ja natürlich auch bitterernst darstellen, aber geht mir das erstens nicht so gut von der Hand und würde zweitens irgendwo auch Mitleid erregen. Und Mitleid brauch ich nicht, bin ja nicht krank. Ich möchte einfach nur zeigen, wie meine Welt so funktioniert und mit ein bisschen Humor geht das ja meistens besser. 😀

      • Ismael Kluever schreibt:

        Eine weise Einstellung, Siliel!
        Von dir kann man ’ne Menge lernen! =)

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