Ich war in der Schule

Hört, hört. Seit sechs Monaten hatte ich zum ersten Mal die Ehre, diese Anstalt von innen sehen zu dürfen. Und das Beste ist: Ich lebe noch. Und es hat mich nicht psychisch so zerrüttet, dass ich gleich nochmal ein halbes Jahr wegbleibe.
Tja. Nun bin ich also offenbar wieder so gesund, dass ich Schülerin sein darf. Und noch bin ich der Meinung, dass ich auch so gesund bin, dass ich Schülerin sein kann.
Und wie mein erster Tag war, kann ich euch erzählen. Sogar mit Uhrzeit. Zugegeben mit etwas geschätzten Uhrzeiten, da ich die Idee erst im Nachhinein hatte.

6:30 – Mein Wecker klingelt zum ersten Mal. Ich bin hellwach und drehe mich trotzdem um, in der Hoffnung nochmal wegzupennen. KlAappt nicht, denn mir ist schlecht. 7:30 – Mein Wecker klingelt zum zweiten Mal und reißt mich aus dem Fünf-Minuten-Tiefschlaf. Na super. Ich stehe auf und mir ist schlecht. Weil ich zwischen Hunger und Übelkeit nicht unterscheiden kann, mache ich mir ein Sandwich und kämpfe fortan damit, dass es mir nicht nochmal durch den Kopf geht.
9:10 – (M)Ein Freund ist so nett und holt mich ab, damit wir den Schulweg zusammen gehen können. Außerdem passt er auf, dass ich nicht versehentlich umdrehe, wieder nach Hause renne und so tue, als wäre ich gar nicht da. Er macht seine Sache super, bis wir aufs Schulgelände kommen. Dann ist mir wieder schlecht.
9:30 – Ich werde von Menschen geknuddelt, von denen ich dachte, sie hätten mich vergessen. Super Sache. Habe das Gefühl, ich muss gar nicht mehr so nervös sein. Meinen Magen interessiert das nicht.
9:50 – Stufenversammlungen kommen aus der Hölle und sind zu nichts gut. Ich bleibe trotzdem da und versuche zuzuhören, obwohl ich das alles noch aus dem letzten Jahr kenne und es da schon nicht spannend war. Die Lehrer verteilen eine Anwesenheitsliste, die nie bei mir ankommt. Ich soll Stufensprecher wählen, obwohl ich die Stufe nicht kenne. Schiele meiner Nachbarin auf den Zettel und kopiere im Guttenberg-Style. Und da soll man noch sagen, man lernt im Leben nichts.
10:10 – Die Lehrer verteilen Bücherausweise. Ich kriege keinen. Die Lehrer verteilen Schulplaner. Ich kriege keinen. Die Lehrer verteilen Stundenpläne. Ich kriege kei… Moment. Ich kriege einen, aber man hat mich spontan in den falschen Mathe LK gesteckt. Mir ist nicht mehr schlecht, stattdessen rege ich mich auf. Offensichtlich und nach derzeitigem Kenntnisstand muss ich da jetzt aber durch.
11:00 – Ich ergattere eine ziemlich ramponierte Anwesenheitsliste und suche meinen Namen vergeblich darauf. Ich überlege in Panik auszubrechen, verschiebe das dann aber auf irgendwann später, weil ich dafür zu viel Publikum um mich rum habe, das meine schauspielerischen Leistungen wahrscheinlich nicht schätzt.
11:25 – Ich erkläre drei Leuten den Begriff „Nachteilsausgleich“ und weswegen ich kein Sport habe.
11:50 – Ich habe Englisch. Die Lehrerin ist fürchterlich lieb, hat sich nur in den Kopf gesetzt, sofort mit Partnerarbeit und Mini-Referaten anzufangen. Ich überlege in Tränen auszubrechen, zu fluchen und dann wegzulaufen, tue aber nichts dergleichen und weiß eigentlich nicht warum. Dann setze ich mich mit meiner unheimlich geduldigen Nachbarin hin und wir ziehen das durch. Bis zum Ende der Stunde hören meine Hände aber nicht auf zu zittern, weil ich eine Minute lang vor Menschen geredet habe. Ich sollte keine Referate halten, das ist nicht gut für meinen Blutdruck.
13:15 – Ich erkläre nochmal drei Leuten den Begriff „Nachteilsausgleich“ und weswegen ich kein Sport habe.
13:45 – Ich sitze mit einer Bekannten in einem leeren Klassenraum, von dem wir denken, dass wir da Geschichte haben.
13:50 – Ich sitze mit einer Bekannten in einem vollen Klassenraum, in dem wir Geschichte haben.
13:52 – Ich blamiere mich leicht, weil ich glaubte, das Geschichtsbuch schon zu haben, nur um Sekunden später feststellen, dass das gar nicht wahr ist. Habe Angst, den Lehrer nochmal anzusprechen und ihn zu nerven, aber der hat das zu dem Zeitpunkt schon vergessen. Puh.
14:10 – Ich erkläre meiner Bekannten und Sitznachbarin den Begriff „Nachteilsausgleich“ und weswegen ich kein Sport habe. Ich schüttle sie außerdem in Gedanken solange durch, bis sie den Begriff Autismus nicht mehr mit Krankheit assoziiert.
14:20 – Der Lehrer möchte Referate verteilen. Ich lehne jedes Angebot dankend, kopfschüttelnd und leicht hysterisch schreiend ab – gut, das war übertrieben, aber ich hätte es getan – und fluche innerlich. Wenn die Sache mit dem Reden nicht wäre, ich würd mir die Hälfte der Themen unter den Nagel reißen. Mindestens. Verdammt.
14:25 – Ich soll einschätzen, wie sehr ich mit Gruppenarbeit klarkomme. Überlege laut, eine Kategorie für mich zu erfinden, weil „Gar nicht“ auch nicht passt.
14:45 – Ich befinde mich auf dem Weg nach Hause und fluche mehr über meine Schuhe als über den Schultag. Werte das als gutes Zeichen und mach hier Schluss.

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9 Antworten zu Ich war in der Schule

  1. Ismael Kluever schreibt:

    Mir schwirrt der Begriff „heldenhaft“ im Kopf rum, es will aber kein Satz draus werden. Egal.
    Bleib tapfer, Mädel!

  2. kayleighfox schreibt:

    Was für ein Tag!
    Lass Dich virtuell auch noch einmal knuddeln – Du hast das super gemacht!
    Dass es den Nachteilsausgleich auch für Sport gibt, war mir bisher neu. Aber gut zu wissen.

    Du packst das schon!

  3. Ismael Kluever schreibt:

    Bin gespannt auf Tag 2.

  4. Sabine Gollmitz schreibt:

    Du bist großartig! Mehr fällt mir dazu nicht ein 😉

  5. mellissandra schreibt:

    (y) wow heldenhaft, ich konnte alles so gut nachvollziehen 🙂

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