Rest in Pieces

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Ich sitze mit Mama im Bür. Vor zwei Wochen habe ich beschlossen, ihr zur Hand zu gehen und klebe seitdem Bebauungspläne zusammen, weil die sich sonst auflösen. ‚Zuständig für die Instandhaltung der Arbeitsmittel‘ nenne ich das (nach ein paar Tagen kann man Amtsdeutsch verstehen und anwenden). Klingt besser als ‚Ich bin nur hier, weil mir Zuhause langweilig ist‘.

Ventilator-Chan der Ältere (den Jüngeren haben wir grade gekauft) läuft auf Hochtouren. Ich neige dazu, allen Dingen, die ich gern habe, Namen zu geben. Mein Kaktus heißt Oliver, mein Modell eines Fußskelettes Heinz. Wie auch immer, Ventilator-Chan der Ältere läuft und das ist gut so, denn es ist verdammt warm.

Ich flicke den ersten Plan, versorge ihn mit einer gefühlten halben Rolle Klebeband und will ihn anschließend wieder wegpacken. Ich stehe auf, mein Fuß bleibt an Ventilator-Chans Kabel hängen, ich stolpere leider nicht filmreif und sehe im Augenwinkel besagtes Kabel durch die Gegend fliegen. Für einen Moment glaube ich noch, ich hätte den Stecker gezogen, aber der fehlende Stecker und die drei unschuldigen Kupferdrähte, die aus dem Kabel lugen, glauben das eher nicht.

Ich lege den Bebauungsplan an seinen Platz zurück. „Du“, beginne ich dann langsam. „Ich glaub, ich hab den Ventilator kaputt gemacht.“

„Ach was“, erwidert Mama. „So schnell geht der nicht kaputt.“

Ich werfe einen Blick auf das Kabel. „Ich glaub aber doch.“ Ventilator-Chan der Ältere gibt mir währenddessen recht, indem er seinen Dienst langsam aber sicher quittiert.

Mama dreht sich um, guckt mich an, guckt Ventilator-Chan an und guckt zu Boden. Dann bückt sie sich und hält mir einen gewissen Stecker vor die Nase. „Ich glaub, du hast recht.“

„Haste nen Lötkolben?“, versuche ich die Situation zu retten.

Mama grinst, dann verschwindet sie für eine Weile. In der Zwischenzeit erkläre ich unseren frisch Verstorbenen für frisch verstorben und setze eine Todesanzeige auf Twitter. So viel Zeit muss sein.

Als Mama wiederkommt, ist der Stecker weg. „Hab ich meinem Kollegen auf den Tisch gelegt“, erklärt sie.

Ich ahne schlimmes. Von dem Kollegen haben wir uns Ventilator-Chan den Älteren ausgeliehen „Und?“

„Hat es mit Humor genommen.  War ja auch schon alt, das Teil.“

Wir gucken uns eine Weile an. Dann fangen wir an zu lachen, laut und herzlich.

„Das hätte echt ins Auge gehen können“, sagt Mama.

„Wenn ich gestorben wär, hätte ich bestimmt den Darwin-Award gekriegt“, sage ich und verschlucke mich fast an meiner Cola vor Lachen. „Aber weißt du, wenn ich hätte draufgehen können, ist wenigstens keiner sauer auf mich.“

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