Experiment: Bahn fahren ohne Musik im Ohr

Meine Kopfhörer sind kaputt. Alle, die ich besitze. Ich kenne das schon, zu meinem Leidwesen funktioniert das bei mir offensichtlich ähnlich wie bei Früchten: Fault eine, faulen alle. Oder zerstören sich eben selbst.

Wie auch immer. Meine bevorzugte Marke gibt es hier nur in der Innenstadt und dahin musd ich – mangels Volljährigkeit und Führerschein – mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Was ich nie tue, ohne Musik laufen zu haben – aber ich kann mich ja schlecht im Haus einschließen und auf ein Wunder warten. Also habe ich das Experiment gewagt und mich einfach so in den Zug gesetzt. Spoiler: Jetzt weiß ich, wieso ich das normalerweise gar nicht erst versuche.
Aber lest selbst.

Die Gleise flüstern. Das ist das Geräusch, wenn sich ein Zug nähert, ein helles, leises, stetig lauter werdendes Geräusch, das dennoch nicht unangenehm ist.
Ich steige ein, suche mir den nächstgelegenen Sitzplatz in einer Ecke. Ich mag Ecken, sie geben mir ein Gefühl von Sicherheit und Schutz.
Mir gegenüber sitzen zwei Männer. Sie sprechen eine Sprache, die ich nicht beherrsche. Im Laufe der Fahrt glaube ich, dass es Russisch sein könnte. Aber ich weiß es nicht.
Ich erinnere mich nicht an ihre Gesichter, könnte sie nicht beschreiben. Aber ihre Stimmen sind laut. Sie reden viel miteinander. Die ganze Fahrt.
Die Türen schließen sich, mit einem lauten,  durchdringenden Piepen. Der Ton ist mir unangenehm, es tut mir weh, als würde jedes Mal jemand mit einer Nadel auf meinen Hörnerv einstechen. Viermal hält der Zug. Viermal halte ich es aus.
Der Ticketautomat gibt ein mechanisches Rattern von sich, wie aus dem Nichts erschreckt er mich damit. An das Geräusch kann ich mich gewöhnen, aber mir wäre lieber, es wäre gar nicht erst da.
Jemand liest Zeitung. Das Rascheln der Seiten beim Umblättern ist laut, als würde es neben mir passieren. Ich kann mir vorstellen, wie das dünne Papier geknickt, falsch umgeschlagen und wieder glattgestrichen wird. Der Platz neben mir ist leer.
Der Zug fährt an.
Die Männer reden weiter. Ihre Stimen werden lauter, wenn sie etwas betonen, es lässt mich innerlich zusammenzucken. Einer von ihnen besitzt ein Smartphone von Samsung; es gibt ein bestimmtes Geräusch von sich, wenn die Tastensperre deaktiviert wird.
Unter das Geräusch des fahrenden Zuges mischen sich das Rascheln der Zeitung. Etwas entfernt unterhalten sich zwei Fahrgäste. Sie lachen. Als die blecherne Frauenstimme die nächste Haltestelle ankündigt, kann ich nur aus Erfahrung sagen, welche es ist.
Einer der Männer beginnt aus Gründen, die ich mir nicht ausdenken kann, immer wieder pusten, stößt die Luft ruckartig mit einem Zischen aus seinen Atemwegen ins Freie. Ich erschrecke dabei. Als es sich wiederholt, bekomme ich etwas Angst davor. Mein Körper spannt sich an, ich weiß, es wird wieder passieren, aber ich fürchte mich davor.
Die Fahrgäste lachen, von weit her, aber ich kann sie trotzdem gut hören. Einer schlägt mit der Faust gegen die Scheibe. Fahrkartenautomat. Türen schließen sich. Jemand stampft mit dem Fuß auf.
Ich versuche in Gedanken zu versinken, doch sie sind zu leise, können sich nicht durchsetzen,  verhallen ungehört ohne je mein inneres Ohr erreicht zu haben.
Ich lehne meinen Kopf gegen die Scheibe. Würde ich die Augen schließen, ich würde einschlafen. Die Fahrt hat müde gemacht. 15 Minuten.
Als der Zug die Endstelle erreicht, dränge ich mich nach draußen. Als sich die Türen mit einem Piepen schließen, bin ich weit genug weg, dann um es nicht mehr zu hören.

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3 Antworten zu Experiment: Bahn fahren ohne Musik im Ohr

  1. John alias Roxas schreibt:

    Kenne ich nur zu gut, habe bisher zum Glück nur in Bussen gesessen…
    wow, das du es soweit aushalten konntest trotzdem, ohne einen kompletten Zusammenbruch erleiden zu müssen durch diese ganzen Nebeneffekte, würde ich glaube ich nicht schaffen, fürchte mich ja schon vor Menschenaufläufen von 4 Personen aufwärts(was bei einem täglichen Abendessen mit insgesamt 7 Personen also seehr häufig passiert)

  2. melli schreibt:

    never ohne reserve kopfhörer und wenn ich genug geld habe, auch noch ohne einen reseve mp3 player, ohne ist folter !

    • dassiliel schreibt:

      Na ja, die Ersatzkopfhörer hats ja *auch* zerlegt, von daher… aber ich hab es ja überlebt. Und die vollbesetzte U-Bahn ist schlimmer. *grusel*

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