Mir ist nicht kalt

„Wenn du mit mir mit dem Hund gehen willst, solltest du dich aber umziehen“, sagt Papa. Er steht da in Jeans und T-Shirt vor mir und wird sich später noch eine Jacke anziehen.

Ich stehe da in Hotpants und Top und verstehe sein Problem nicht. „Warum noch gleich?“

„Es ist kalt draußen! 18 Grad!“

Ab dem Punkt gehen unsere Meinungen dann auseinander. 18 Grad über Null sind nämlich nicht kalt, sondern wunderbar angenehm. So richtig verstehen tu ich Papa nicht. „Und?“

„Das sind keine Sachen für 18 Grad.“

Ich sehe an mir runter und keinen Grund zur Sorge. Da ich aber dazu tendiere, mich Klamottentechnisch an andere zu halten, gehe ich auf den Balkon, um mich persönlich von der Nicht-Kälte der Luft zu überzeugen. Und was soll ich sagen? Es ist nicht kalt. Sondern sehr angenehm kühl. Am liebsten mag ich es, wenn die Luft so kalt ist, dass man sie beim Einatmen in den Lungen spürt, aber dafür reichen 18 Grad nicht.

„Ich weiß gar nicht, was ihr habt“, murmele ich in meinen zum Glück nicht existenten Bart, als ich wieder reingehe. „Ist doch schön draußen!“

Schweigen. Ich seufze. „Na schön“, sage ich dann. „Über eine Jeans können wir diskutieren.“

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3 Antworten zu Mir ist nicht kalt

  1. John alias Roxas schreibt:

    Ich kann immernoch bloß vor deiner Leistung, über dich zu schreiben, den Hut ziehen 🙂
    verlier nicht den Mut, über dich zu schreiben…das täte mir als Mitleidendem „Alien“ unter der Vorherrschaft der „Neuro-Fraktion“ (meiner Meinung nach sollten die Neuronen die Aliens sein, wir Asperger können doch wenigstens noch klar um viele Ecken LOGISCH denken(?) 🙂 ) weh…

    • dassiliel schreibt:

      Dankeschön! Ich geb mir Mühe, weiter zu schreiben, Geschichten wirft mir das Leben ja weitaus genug entgegen. Ich glaube, das Schreiben liegt mir schon gewissermaßen im Blut, ich schreibe ja auch privat Romane… Vermutlich ist das das, was sie Spezialinteresse nennen. 😀

  2. Kiezkicker schreibt:

    Das erinnert mich an http://www.kiezkicker.de/blog/2013/03/autistisches-temperaturempfinden-und-alleinsein-im-fussballstadion/ – mir ist nämlich auch nie kalt, selbst dann nicht, wenn es wirklich kalt sein sollte (meint Temperaturen von Minus 10 Grad abwärts). Und mitunter wundere ich mich, dass die Leute selbst in Bahnen und Bussen, die für gewöhnlich sehr gut geheizt sind, noch immer dick in Jacke und Schal eingemummelt sind, obwohl die Luft dort doch locker 20 Grad warm ist – sitzen sie dann auch bei sich zuhause mit Jacke und Schal im Wohnzimmer?!?

    In einem neueren Blogpost schreibst du darüber (ich habe deinen Blog gerade erst entdeckt und kämpfe mich nun durch die Beiträge…), dass du dir gewissermaßen ein Bein abtrennen könntest, ohne das du es bemerken würdest, so lange man dir dann nicht sagt, dass dir gerade ein Bein fehlt – ganz so ist es bei mir nicht, aber ich glaube, bei manchen Autisten fehlt wirklich einfach ein wenig Körperwahrnehmung. Einer meiner Twitterherzen hat einen autistischen Sohn, der wohl auch im Winter immer im T-Shirt rausgehen würde, um Fußball zu spielen – kann ich komplett nachvollziehen… Das Temperaturempfinden – oder meinetwegen das Körperempfinden – ist irgendwie wohl „bei uns“ einfach ein anderes…

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