„Du mich auch!“

Wir sitzen auf dem Balkon und essen zu Abend. Auf dem Grill braten noch Hähnchenteile, Vögel zwitschern im Wald, ich höre das seichte Prasseln von Regentropfen auf der Markise. Auf einmal schaut Papa mich an, ein seltsames Grinsen zeigt sich auf seinem Gesicht. Er reißt die Arme hoch, vermutlich in einem Anflug von Begeisterung. „Mir geht’s grad voll gut und dir auch?“

Ich schweige einen Moment. Bratende Hähnchenteile. Der Regen verstärkt sich. Das Wetter war heute ganz wechselhaft, sollte jetzt noch ein Schauer dazukommen? In einem Anflug von Verdacht auf einen Scherz erwidere ich: „Was soll das?“

„Na, ich wollte wissen, ob es dir auch so gut geht!“

Ist das jetzt Smalltalk? Ich schaue zu Mama hinüber, die weiß nämlich, dass man das nicht machen sollte, mit mir. Aber die scheint mich zu ignorieren. Ganz sicher bin ich mir nicht. Ich schneide mir ein Stück Fleisch zurecht. „Joa“, sage ich kauend, trotz besseren Wissens, was Etikette betrifft.

„Das klingt ja nicht so besonders.“

„Ich kaue gerade!“, sage ich empört, wieder trotz der Kenntnis von Tischmanieren.

„Na, aber trotzdem.“

„Mama!“ Der Ausruf klingt fast noch hilfloser, als er sein sollte. Gut, ich bin mit meinen Eltern zusammen – mit Fremden oder nur flüchtig Bekannten hätte ich vermutlich an der Stelle Panik bekommen – von daher ist die Situation nicht ganz so schlimm, aber trotzdem. Irgendwas ist schiefgelaufen.

„Du hättest „Du mich auch“ sagen müssen“, sagt sie nur. Das sagt man, wenn jemand etwas böse bis komisch gemeint hat. Glaube ich. War meine Annahme also richtig? Ich glaube schon.

„Du mich auch!“, echoe ich brav. Und setze noch ein „Arschkeks“ dahinter, um nicht ganz wie ein zweiter Guttenberg zu klingen. Das ist nicht ganz böse gemeint. Ich glaube, Papa wird das verstehen.

Hähnchen auf dem Grill, Regen auf der Markise, mittlerweile nachlassend, Vögel im Wald. Manche würden es als „Stille“ bezeichnen. Nach wenigen Sekunden drängt sich mir die Vermutung auf, dass ich einen Fehler gemacht haben könnte. Also hake ich vorsichtshalber nach. „Warum hast du jetzt gesagt, dass ich „Du mich auch“ sagen sollte?“, frage ich Mama, aber Papa antwortet.

„Das implizierte, dass du meine Aussage als Scherz verstanden hast.“ Und das impliziert, dass das nicht ganz so richtig war. Hätte mir klar sein müssen, irgendwie sind meine Prämissen bezüglich Scherzen erstmal grundsätzlich falsch.

„Und, war es einer?“

„Nein, das war ersnt gemeint. Also, geht es dir jetzt gut?

„Joa“, antworte ich.

„Ein emotionsloses „Ja“ ist besser als gar nichts, hm?“, scherzt Papa, aber ich fasse das als mittelleichte Beleidigung auf.

„Du mich auch“, sage ich, aber zu leise. Dann überlege ich einen Moment, um mir eine schlagfertige Antwort, die schon längst nicht mehr schlagfertig sein wird, auszudenken. Besser als gar nichts. „Was soll ich denn machen? Lachend auf dem Balkongeländer tanzen und Konfetti werfen?“ Ich stelle mir das vor. Einen Moment später falle ich vor meinem geistigen Auge durch die Markise von denen unter uns direkt auf die Terasse und sehe zermatscht aus. Ein bisschen Hirnmasse ist bestimmt ein guter Einstieg in den Montag.

Auf einmal schaut mich Mama an. Sie fängt an zu grinsen, glaube ich. „Ja!“, ruft sie begeistert. Ich glaube, sie ist verrückt geworden. Dann glaube ich, das als Sarkasmus oder Ironie (Wo ist der Unterschied?) enttarnt zu haben.

„Du mich auch!“, kontere ich, vermutlich konnten das auch meine Nachbarn hören.

Wir lachen. „Das war richtig diesmal“, sagt Mama.

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