Ein Wort

Words are very unnecessary
They can only do harm

– Depeche Mode, Enjoy The Silence

Es brauchte ein Wort, um mich heute aus dem Konzept zu bringen. Präziser: Ein nicht ausgesprochenes Wort.

Wenn ich mit dem Hund gehen möchte, muss ich an den Häusern und Vorgärten meiner Nachbarn vorbeigehen. Vorgärten impliziert, dass diese bei schönem Wetter auch gerne mal draußen sitzen. Ich hege keine Abneigung gegen meine Nachbarn, schließlich haben sie mir nichts getan, aber ich gehe ihnen gern aus dem Weg, fühle mich unwohl, wenn sie zugegen sind. Mir scheint, sie reden gern mit mir (Ob das stimmt, kann ich nicht beurteilen), aber ich tue es nicht.

Wenn ich also mit dem Hund an ihnen vorbeigehe, sagt zuerst der Hund Hallo, das bemerkt natürlich niemand. Ich versuche mich meistens vorbeizustehlen, unbemerkt, als sei ich gar nicht da. Ich möchte nicht gesehen werden, keinen Kontakt aufnehmen. Es macht mir Angst, Angst vor dem Reden, vor dem Smalltalk, der folgen wird. Ich möchte das nicht, denn ich kann es nicht. Wenn ich nichts von den Leuten möchte, dann schweige ich. Von meinen Nachbarn möchte ich so gut wie nie was. Also schweige ich. Aber sie tun es – natürlich – nicht.

Ich warte meistens, bis sie Kontakt aufnehmen, sie mich also begrüßen, weil ich ihre Aufmerksamkeit von allein nicht auf mich ziehen möchte. Unsichtbar bleiben. Dieser Situation kann ich nicht ausweichen, denn es ist meistens schon zu spät, ehe ich merke, dass sie draußen sitzen. Und dann umzudrehen und zu verschwinden, das kann ich nicht, denn entweder muss der Hund noch raus oder ich will wieder nach Hause.

So kommt es dann, immer wieder, zu etwa folgendem Gespräch:
„Oh, hallo Hund! Hallo Siliel!“
Verdammt. Antworten. Du musst jetzt antworten. Grüßen. „Ähm… hallo.“
„Sag mal, wie lange gehst du denn noch zur Schule?“
Was? Warum fragt die das? Ich habe sie doch gegrüßt, reicht das nicht, was sage ich denn jetzt, ich will nach Hause… Hilfe? „Ein Jahr… noch.“ Das ist gelogen, ich werde das Jahr wiederholen. Aber bestimmt weiß sie, wie lange ich schon zur Schule gehe und stellt dann Fragen, weshalb ein Jahr länger und… (Schwachsinn? Schwachsinn!)
„Und weißt du schon, was da danach machen willst?“
Muss ich darauf antworten? Was antwortet man darauf… du gehst aufs Gymnasium, also Standartantwort. Das erwartet sie bestimmt, aber… „Ähm… studieren. Also, irgendwas. Weiß ich nicht genau. Irgendwas.“
„Ach ja, das dachte ich mir schon. Heute wollen ja alle studieren, ist ja klar, und…“

Ich mache mich spätestens dann davon, lasse sie reden und gehe weiter. Dieses Weitergehen hat eigentlich eher den Charakter einer Flucht, ich bin fürchterlich nervös, müsste mich eigentlich nochmal eine Viertelstunde hinsetzen und das ganze dann von vorne anfangen.

Heute habe ich schon gehört, dass sie wieder draußen sitzen, denn sie sprachen, nicht gerade leise. Und ich wusste, ich würde wieder reden müssen, ich würde es wieder sagen müssen, „Hallo.“ Und ich bekam Angst. Ich stand stocksteif auf der Stelle, unfähig mich weiterzubewegen, in ihr Sichtfeld hinein, ich konnt nicht weitergehen. Ich wurde nervös. Mir wurde schlecht. Dann kamen die Vorwürfe, gegen mich selbst. Mir war elend zumute, wie schon lange nicht mehr. In solchen Momenten arbeitet meine Psyche gegen mich, denn dass ich depressiv bin, macht die Sache natürlich kaum besser.

Ich bin wieder ins Haus geschlichen, denn vernünftig Gehen konnte und wollte ich gar nicht mehr, so geschämt habe ich mich über mich selbst. Aber die Angst hat überwiegt. Ich bin ins Bett gegangen, habe geheult wie ein Schlosshund, und habe geschlafen, fast bis fünf Uhr Nachmittags, so fertig war ich. So fertig bin ich. Manchmal ist mir die Welt da draußen zu viel, zu groß und zu böse und ich muss mich verkriechen. Im Moment habe ich das öfter, als es gut für mich ist.

Aber ich weiß, am nächstan Tag lache ich wieder über mich, im Einklang mit mir und mache Witze. Ein Wort bringt meinen ganzen Tag durcheinander. Kaum zu glauben.

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