Ich war einkaufen

Das Problem an der Sache war dieses Mal: Ich war nicht nur das Anhängsel, das Süßkram in den Einkaufswagen wirft, ich habe tatsächlich fast selbstständig eingekauft. Und mich fast im Aldi verlaufen. Aber nur fast.

Als ich das letzte Mal ganz alleine Einkaufen war, habe ich die Nacht davor kaum geschlafen und anderthalb Stunden mit Pausen gebraucht, um einen Einkaufszettel mit fünf Stichpunkten zu erstellen. Danach beschloss das Siliel, nie und ganz bestimmt nie wieder, einkaufen zu gehen und schon gar nicht alleine.

Dummerweise hat Mama mir ein Koch- und ein Backbuch mitgebracht, vor nicht allzu langer Zeit, daraus resultierte schließlich vorgestern die Idee, ich könnte Erdbeerkuchen machen. Mit richtigen erdbeeren und ohne Backmischung. Die Fähigkeit, Zeug zusammenzurühren, besitze ich, daran sollte es nicht scheitern. Ich hatte nur das Einkaufen vergessen. Und meine Mutter, die die Idee absolut toll fand, mich Gerichte aussuchen ließ und dann aus nicht ganz heiterem Himmel beschloss, mich das Wochenende kochen zu lassen.

Das erste und größte Hindernis an der Sache war nun, eine Einkaufsliste zu erstellen. Was haben wir schon, was brauchen wir noch? Was braucht man generell? Woher weiß man, was man braucht und was man eigentlich will? Wenn im Kochbuch „Apfel“ steht, woher weiß ich dann, welchen Apfel? Wie groß, und wenn da „groß“ steht, wie definiert sich groß? Was für eine Sorte Apfel überhaupt? Bio oder nicht Bio? Und wenn ja, welches Bio und wenn nicht, welches nicht-Bio und…

Nachdem ich diese Spezifikationen allerdings Mama, die nach meinem Kenntnisstand mehr Ahnung hat als ich, überlassen und die Anfangsschwierigkeiten („Was esse ich zum Frühstück? Also, wenn wir Müsli hätten, würde ich Müsli essen, aber wir haben kein Müsli, also esse ich Toast, also müssten wir Toast besorgen, aber Toast ist doch schon da, also…“) mehr oder weniger erfolgreich („Also kaufen wir Müsli.“ -„Aber ich esse doch gar kein Müsli zum Früh… oh.“) überwunden hatte, ging die Sache allerdings doch ganz gut von der Hand.

Damit waren die organisatorischen Probleme beseitigt, eine Liste war erstellt und sorgfältig nach Unterkategorien sortiert (Wobei Erdbeeren nicht zum Obst gehören, Milch zu den Getränken, Käse dafür zur Milch und Kuvertüre zu den Backwaren). Für mich reichte das schon. Doch zu derAngelegenheit gehörte natürlich noch der zweite Teil, das Einkaufen an sich.

Aldi ist da einer der besseren Supermärkte bei uns in der Umgebaung (Und wir haben sie alle), er ist klein, nicht labyrinthartig aufgebaut und vor allem fehlt die Fahrstuhlmusikbeschallung nebst Durchsagen, die mich sowieso noch mehr aus dem Konzept bringen, als alles anderen ohnehin schon. Dazu sei gesagt, dass meinem Gehirn eine Art „Filter“ fehlt, der es nicht autistischen Menschen ermöglicht, sich auf eine Sache zu konzentrieren und alle restlichen Informationen auszublenden. Wenn ich also Straßenbahn fahre, höre ich die Leute reden, ob ich möchte oder nicht. Wenn ich auf dem Balkon sitze, höre ich die Vögel aus dem Wald zwitschern, die Nachbarn reden und laut lachen, das Hörbuch von Mama, die Nachbarshunde bellen und unseren eigenen Hund durch die Gegend tapsen. Je weniger HIntergrundgeräusche ich also wahrnehme, desto eher kann ich bei der Sache bleiben.

Die ganze Zeit konzentriert das zu finden, was man braucht und stur die List abzuarbeiten, ist allerdings trotzdem noch anstrengend genug. Etwas gezielt in den Regalen zu suchen und nicht einfach das zu nehmen, was mir ins Auge springt, ist schwierig. Ich achte lieber auf das Muster der Konservendosen, auf die Farbverteilung, das Motiv, die Schriftart und vergesse darüber, dass vor mir die Erbsen stehen, die ich brauche. Ich fange bei Limonaden an, den Zuckergehalt zu vergleichen, um dann das vermeintlich „gesündeste“ mitzunehmen, das mir eventuell nicht einmal schmeckt. Ich fange an, den Preis pro 100 Gramm zu vergleichen, um dann das günstigste Produkt zu nehmen, nur um mich dann zu fragen, ob es nicht eventuell auch das billigste sein könnteund es demnachzufolge eine bessere, wenn auch teurere Variante gibt. „Irgendeine Sorte“ gibt es bei mir nicht. Meine Entscheidungsunfreudigkeit hat meine Eltern sicherlich schon öfter in den Wahnsinn getrieben. Normalerweise verlasse ich den Laden in vielen harten Fällen einfach ohne irgendetwas gekauft zu haben, aber bei Lebensmitteln funktioniert das natürlich nur bedingt.

Zum Glück hatte ich Unterstützung dabei, die ich auch gebraucht habe. Ansonsten hätten die Chancen tatsächlich nicht schlecht gestanden, dass ich mich in dem kleinen, überschaubaren Laden verlaufen hätte.

Eigentlich hätte es gestern Abend von mir selbstgemachten Kartoffelsalat geben sollen. Mama hatte die Kartoffel auch bereits aufgesetzt, es scheiterte lediglich daran, dass ich den halben Nachmittag verschlief, so fertig war ich. Aber ich habe alles gekommen. Morgen soll es Kuchen geben. Mir Erdbeeren.

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